Peter Handke - A Sorrow Beyond Dreams

Peter Handke’s mother was an invisible woman. Throughout her life—which spanned the Nazi era, the war, and the postwar consumer economy—she struggled to maintain appearances, only to arrive at a terrible recognition: „I’m not human any more.“ Not long after, she killed herself with an overdose of sleeping pills.

In A Sorrow Beyond Dreams her son sits down to record what he knows, or thinks he knows, about his mother’s life and death before, in his words, „the dull speechlessness—the extreme speechlessness“ of grief takes hold forever. And yet the experience of speechlessness, as it marks both suffering and love, lies at the heart of Handke’s brief but unforgettable elegy. This austere, scrupulous, and deeply moving book is one of the finest achievements of a great contemporary writer.

Leseprobe

Peter Handke
Wunschloses Unglück

Es ist inzwischen fast sieben Wochen her seit meine Mutter tot ist, und ich möchte mich an die Arbeit machen, bevor das Bedürfnis, über sie zu schreiben, das bei der Beerdigung so stark war, sich in die stumpfsinnige Sprachlosigkeit zurückverwandelt, mit der ich auf die Nachricht von dem Selbstmord reagierte. Ja, an die Arbeit mache: denn das Bedürfniss, etwas über meine Mutter zu schreiben, so unvermittelt es sich manchmal noch einstellt, ist andrerseits wieder so unbestimmt, dass eine Arbeitsanstrengung nötig sein wird, damit ich nicht einfach, wie es mir gerade entsprechen würde, mit der Schreibmaschine immer den gleichen Buchstaben auf das Papier klopfe. Eine solche Bewegungstherapie Alleinwürde mir nicht nützen, sie würde mich nur noch passiver und apathischer machen. Ebensogut könnt eich wegfahren – unterwegs, auf einer Reise, würde mir mien kopfloses Dösen und Herumlungern außerdem weniger auf die Nerven gehen.
Seit ein paar Wochen bin ich auch reizbarer als sonst, bei Unordnung, Kälte und Stille kaum kaum mehr ansprechbar, bücke mich nach jedem Wollfussel und Brotkrümel auf dem Boden.
Manchmal wundere ich mich, dass mir Sachen, die ich halte, nicht schon längst aus der Hand gefallen sind, so gefühllos werde ich plötzlich bei dem Gedanken an diesen Selbstmord. Und trotzdem sehne ich mich nach solchen Augenblicken, weil dann der Stumpfsinn aufhört und der Kopf ganz klar wird. Es ist ein Entsetzen bei dem es mir wieder gut geht: endlich keine Langeweile mehr, ein widerstandsloser Körper, keine anstrengenden Entfernungen, ein schmerzloses Zeitvergehen.
Das schlimmste in diesem Moment wäre die Teilnahme eines anderen, mit einem Blick oder gar einem Wort. Man schaut sofort weg oder fährt dem anderen über den Mund; denn man braucht das Gefühl, dass das, was man gerade erlebt, unverständlich und nicht mitteilbar ist: nur so kommt einem das Entsetzen sinnvoll und wirklich vor.
Darauf angesprochen, langweilt man sich sofort wieder, und alles wird auf einmal wieder gegenstandslos. Und doch erzähle ich ab und zu sinnlos Leuten vom Selbstmord meiner Mutter und ärgere mich, wenn sie dazu etwas zu bemerken wagen.
Am liebsten würde ich dann nämlich sofort abgelenkt und mit irgend etwas gehänselt werden.